Mai
Absolute NO-GOs in der Model-Fotografie
Ich versuche es mal mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen: Ich hab einfach die Nase voll von dem ewigen Gejammer “Mein Modell kam nicht, was soll ich tun?”, “Model nicht erschienen, wohin schicke ich nun die Rechnung über 4500 Euro Verdienstausfall?” und dergleichen.
Dass im Umgang mit Menschen auch Shootings ausfallen können ist normal.
Gründe dafür gibt es in Unmassen und sind sowohl vor der Kamera als auch hinter der Kamera zu finden.
Doch ich hab es schlichtweg satt und bin es leid ewig lesen zu müssen wenn manche “Kollegen” eine Absagenquote von über 50 Prozent etc. haben und die daran Schuld stetig und allein bei Modellen suchen. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen diesen kleinen Leitfaden mit Punkten ins Leben zu rufen – wer ergänzende Punkte und Ansichten dazu beitragen möchte, ist hiermit herzlich eingeladen.
Ein persönliches Fazit dazu: in den letzten 2-3 Jahren, seit dem ich die Model-Fotografie mittlerweile intensiv betreibe, kam es auch schon zu Shootingausfällen bzw. -verschiebungen (sowohl von meiner Seite aus, als auch von Seiten der Modelle) – eine Ausfallquote würde ich schätzungsweise irgendwo zwischen 3-5% ansiedeln (bei 300 Shootings ingesamt gerechnet).
Keine Ahnung, ob es daran liegt, dass ich mich an einen gewissen “Katalog” / Kodex von Punkten halte – doch so ganz verkehrt kann der dem Anschein nach ja nicht sein.
1. Auswahl deiner Modelle
Fantastisch, du hast soeben einen kurzen Einzeiler von Fanni1876-ich-bin-das-nächste-Topmodel mit dem Inhalt “Hi, sehr geile Bilder. Bock auf ein Shooting?” erhalten. Natürlich freust du dich wie ein Schneekönig; bedankst dich sofort für das Kompliment (man ist ja anständig erzogen) und lädst sie direkt für kommende Woche auf ein Testshooting ein.
Ein aufmerksamer Blick vorher auf die Sedcard des entsprechenden Models mit den 7 Urlaubsbildchen vom letzten Seychellen-Urlaub sowie ein wenig Zwischen-den-Zeilen-Lesen hätte dich vermutlich zu der Erkenntnis gebracht, dass das Model eigentlich gar nicht wirklich an Bildern von dir interessiert ist – sondern vielmehr nur mal wieder ein Shooting haben möchte.
Erfahrungsgemäß empfehle ich an dieser Stelle direkt, keine weitere Energie und Zeit zu investieren. Wer wirklich eure Bilder für sich (oder seine Sedcard) möchte, der wird euch auch nicht dermaßen plump begegnen und euch das auch dementsprechend wohl formuliert zu verstehen geben!
Wer f*cken will, muss freundlich sein. ;)
2. Modelle sind Menschen, seid nett zueinander
Immer wieder stolper(t)e ich über Sedcards selbsternannter Götter der Fotografie, welche meinen mit schon fast martialisch klingenden Drohgebärden potentielle Modelle für ihre Shootings gewinnen zu wollen. “Wenn du nicht zum Shooting erscheinst, dann….”
In was für einer Welt lebt ihr eigentlich?
Ich würde in keinen Laden dieser Welt gehen, vor dem ein Schild neben dem dicken, dunkelhäutigen und mies grimmig dreinschauenden “Igor” samt Machete in der Hand steht: ”Wenn du nichts kaufst, wirst du in deinem Leben nirgendwo mehr einkaufen gehen können.” und dann vermutlich darauf hoffen, dass sich der Verkäufer ja eigentlich doch als ganz netter Kerl entpuppt.
So toll kann euer angebotenes “Produkt” gar nicht sein.
Nein, wirklich nicht.
Anfänglich interessierte Modelle werden es genauso sehen.
3. Modelle sind “Kunden”, wollen Fotos – nicht “kuscheln”
Ein Punkt, der mich in der letzten Zeit doch recht häufig fast zur Weißglut gebracht hätte und scheinbar von manchen nicht ganz so ernst genommen wird. Kommt ein Model ins Studio, möchte dieses in erster Linie schöne Fotos haben – nichts desto trotz gibt es immer wieder “Kaliber” welche dem Anschein nach davon ausgehen, schöne Fotos stünden zwangsläufig erstmal an zweiter Stelle.
Der dicke Manfred (jedwede Namen sind frei erfunden!), der unbedingt darauf besteht das Model selbst einzuölen und mit erregt frivoler Stimme säuselt “Komm, setz dich auf meinen Schoss dazu!”, oder etwa der kleine Peter – ein “Gott” als Visagist – welcher aber auch gern einmal an stellen schminkt, an welchen es überhaupt nichts zu schminken gibt. Selbstredend darf auch der ohnehin etwas kuschelbedürftige Roman nicht fehlen, der sein Model aller 3 Minuten mit Liebkosungen und Knuddelattacken überhäuft.
Diese Orgie der Zuwendungen ließe sich an dieser Stelle vermutlich noch weiter spinnen – doch nur soviel sei gesagt: ja, es gibt sie. Die Fotografen, welche regelmäßig mit Modellen ins Bett “springen”; ihnen Blowjobs für bearbeitete Bilder oder Sex-Angebote für Shootings unterbreiteten.
4. Bearbeite schneller (Thema Seriosität)
Wieso shootest du eigentlich (fiktiv!) am 1. Mai, wenn das Model am 30. Juni das erste, bearbeitete Bild von dir übersandt bekommt? Kommst du dir da ehrlich gefragt nicht selber irgendwie dämlich vor? Gänzlich grotesk wird es, wenn Modelle teilweise 250,- € für ein Shooting bezahlen und nach 6 Monaten immer noch kein einziges Bild erhalten haben.
5. Don´t be evil
In der Regel kannst du davon ausgehen, dass du mit so ziemlich jedem Shooting etwas Neues über Kollegen erfährst von denen du vorher noch nie etwas gehört hattest (geschweige denn überhaupt von ihrer Existenz wusstest). Die Kunst besteht vermutlich darin, es auch für sich behalten zu können – denn in 99% aller Fälle werden keine Hintergründe oder Zusammenhänge weitergetragen – sondern eben nur das “Sensationelle / Skandalöse”.
Die Kehrseite der Medaille schaut dann in aller Regel so aus, dass nicht nur du etwas erfahren hast, sondern auch der Gegenspieler erfährt, was du redest – was neben einer Menge unpässlicher sowie -bequemer Diskussionen auch jede Menge Ärger mit ins Haus bringen kann(!).
Anderen das Leben schwer machen ist nämlich kein Kavaliersdelikt.
Und wer möchte schön mit einer Tratschtante (egal ob vor oder hinter der Kamera) shooten, wo niemand weiß ob man nicht die / der Nächste ist, der von dieser Person durch den Dreck gezogen wird?
Du etwa?
6. Macht gescheite Fotos
Ein Punkt wo ich sehr lange überlegt habe, ob ich ihn so erwähnen soll – doch da er mit aufgeführt ist, habe ich mich wohl dafür entschieden. Auch wenn es für den einen oder anderen hart klingt: nur weil du eine Kamera in der Hand hast bedeutet das nicht automatisch, dass dir die Modelle zu Füßen liegen. Nun ist zwar jeder in der Fotografie sein eigener Gott der keinen anderen neben sich duldet – doch mal im Ernst: eine etwas realistischere Einschätzung würde jedem von uns gut zu Gesichte stehen.
Es interessiert wirklich einen Schei** ob du 4x Canon EOS Mark II im Schrank stehen hast, der Meinung bist 35 verschiedenen Objektive aus deinem Sortiment aufzählen zu müssen und sowieso seit nunmehr 40 Jahren erfolgreich im Business “ganz oben” fotografierst.
Wenn es das Portfolio nicht zeigt, wird es unglaubwürdig.
Wer “gescheite Fotos” macht (sowie ein paar andere Punkte zutreffen) – der wird auch kein Problem haben, Modelle für seine Shootings / Ideen zu finden.
7. Jede(r) hat eine zweite Chance verdient
Ja so ein Dreck. Du stehst allein Studio – hast die letzten 60 Minuten damit zugebracht das Set aufzubauen; die Heizung leicht aufgedreht damit das Model nicht frieren muss und überhaupt sitzt eine Etage über dir der Inhaber und möchte natürlich auch für die Anmietung entlohnt werden (und grundlegend klingt die Ausrede des Models sowieso von Grund auf sehr fadenscheinig) – oder eben genau andersherum: diesmal bist du der Gelackmeierte, der dem Model absagen musste weil etwas Wichtiges dazwischen gekommen ist.
Und nun?
Immer wieder höre ich mir den Spruch an: “Ja hast du denn keinen Vorvertrag gemacht?” (Fast schon idiotischerweise immer von Kollegen die nicht mal ein normales Model-Release mit dem Model zustande bekommen) Vornehmlich natürlich mit darin festgehaltener Konventionalstrafen bei Nicht-erscheinen. *lol*
8. Kein TFP (bzw. nur in Ausnahmefällen)
Unter uns gesprochen ein Spruch den ich schon nicht mehr lesen kann.
Ganz gleich ob er von Modellen oder Fotografen geschrieben wird – und in meinen Augen eigentlich nur noch von völliger Selbstüberschätzung zeugt. Wie toll muss doch ein Fotograf auf Hobbyplattform X sein, der kein TFP mehr macht – sein Name allerdings noch nie in irgendwelchen Veröffentlichungen zu vernehmen war.
Ganz großes Kino.
Das MUSS doch einfach der “ganz große Fisch” sein.
Also der richtig dicke Fisch.
Sicher, dass du keine Bilder veröffentlicht hast, die aus TFP-Shootings von Modellen stammen, die niemals für einen Fotografen bezahlen würden – ganz einfach weil sie so gut sind?
9. Ich mache nur noch “Pay”!
Liebe Modelle (oder solche, welche es gern sein möchten), nach dem ich die letzten Punkte damit zugebracht habe dem ein oder anderen “Kollegen” mit meinen Zeilen vielleicht ans Bein zu pinkeln, sollt auch ihr nicht verschont bleiben.
Deine Entwicklung in den letzten 9 Shootings seit du das erste Mal das Licht vor der Kamera erblickt hast spricht natürlich Bände.
Aus Urlaubs-Knips-Bildchen wurden einigermaßen ansehnliche Studio-Bilder. Du hast es sogar geschafft die Augen mal nach oben zu ziehen, sodass du nicht permanent mit zugekniffenen Katzenaugen (dem grellen Blitzlicht sei Dank – “Das blendet aber alles so!”) in die Kamera schaust; hast deine Posen-Vielfalt auf ganze 3-4 selbständig steigern können und ohnehin hat dir bisher jeder Fotograf gesagt, dass du das neue Talent bist, welches das Zeug für “ganz oben” hätte.
Auch hier gilt: eine etwas realistischere Einschätzung wäre nicht verkehrt.
Du glaubst wirklich “etwas zu sein”?
Nein, du bist gerade mal am Anfang – klingt hart, ist aber so.
10. “Fotografierende Modelle”
Als kleines Schmankerl habe ich mir nun jene Kategorie aufgehoben, so sich mir regelrecht die Haare sträuben. Im Einklang mit Punkt 9 “Ich mache nur noch Pay” trifft man immer wieder auf solche, die es nie wirklich geschafft haben und sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurück geholt worden – die Shootings blieben aus, die Fotografen verloren das Interesse an ihnen oder sonstwas stimmte mit dem “Topmodel” nicht.
Macht ja nichts.
Wechseln wir einfach das Ufer von “vor der Kamera” zu “hinter der Kamera” – einige, kostenlose Workshops konnte man ja als Model mitnehmen und das kleine Taschengeld für die Shootings reichte ja auch für die erste DSLR-Kamera.
Ja, ihr glaubt nicht wirklich, dass ihr noch einen einzigen Schritt in ein Studio eines namhaften Fotografen bekommt? Warum sollte er euch rein lassen und am Ende gnädigerweise neben kostenlos fotografieren euch den nächsten Workshops mit auf den Weg geben?
Doch mittlerweile scheint der Trend ja eher wieder dahin zu gehen, seine “geheime Leidenschaft” (hinter der Kamera) doch wieder öffentlich zu verbergen, solange es potentiellen Auftraggebern (damit meine ich Agenturen und lukrative Firmenauftraggeber) überhaupt nicht mögen, wenn Modelle auch fotografisch aktiv “unterwegs sind” und deren Buchungen künftig ausbleiben.
Doch wer weiß, vielleicht nehme ich das alles auch nur ein bisschen zu ernst.
Und verbohrt.
Und so. ;-)
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3 Kommentare zu “Absolute NO-GOs in der Model-Fotografie”
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Na da hat mal jemand richtig Dampf abgelassen …. :)
Einigen Punkten stimme ich zu, zu anderen fehlt mir einfach die Erfahrung.
Ich bin selber erst seid zwei Wochen bei der MK angemeldet und mal schauen, was sich so ergibt. Aber du hast Recht, schaut man mal durch die SC (egal ob Model oder Fotograf), stehen einem schon einmal die Haare zu Berge.
Aber das lässt sich wohl nicht verhändern
Da hast du vermutlich Recht Daniel.
Es hat sich die letzten 3 1/2 Jahre in dem Punkt nix getan.
Also fürchte ich, dass bleibt auch die nächsten Jahre so.
Einen Erfahrungsbericht darfst du jederzeit gern schreiben. :-)
Hallo Maik,
danke für Deinen gelungenen Beitrag! Du sprichts mir (größtenteils) aus der Seele. :-) Du beschreibst alles genau so wie es läuft, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Warum auch? ;-)
Zu Punkt 1 eine kleine Anmerkung von mir:
Da würde ich jetzt nicht alle Einzeiler-Schreiberinnen mit komischen Usernamen über einen Kamm scheren. Ich denke das gerade der Einstieg für viele “Amateurmodels” sehr schwer ist (wie auch für Fotografen die zum ersten Mal auf dem Gebiet unterwegs sind!). Daher nehme ich solche “Anfragen” zumindest erst einmal ernst, ohne gleich zu ignorieren. Wenn es nach zweimal Schriftwechsel immer noch so plump bleibt, kann ich immer noch die Segel streichen.
Anfangs hatte ich übrigens auch eine große Absprungquote, Termine wurden kurzfristig abgesagt (vom Model) oder teilweise sind sie einfach nicht erschienen. Da lag der Fehler aber auch bei mir, was man in dem Fall aber erst im Nachhinein merkt. Zu Beginn habe ich in der MK krampfhaft versucht Shootings zu bekommen. Ohne entsprechendes Portfolio ein Kraftakt. Daher habe ich die Models zu ungenau gewählt, zu schnell Termine ausgemacht (wie Du es ja auch schreibst)… Das die Shootings dann nicht zu Stande gekommen sind lag (im Nachhinein betrachtet) wohl daran. Allerdings merkt man das nicht, wenn man erst “anfängt”. Erst einige Zeit später, mach etlichen Shootings wird man sich der Sache bewusst. :-) Wie so oft im Leben…
In diesem Sinne, nochmals vielen Dank für Deinen Beitrag! Prädikat empfehlenswert… Werde gleich mal Deinen Blog durchstöbern. :-)
LG Alexander